Wo das Leben einen so hin weht - Leben in Belgien

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Ich bin in Deutschland geboren und habe die ersten 28 Jahre meines Lebens dort verbracht. Dass ich einmal in einem anderen Land leben würde, war eigentlich nie konkret geplant noch in irgendeiner Form angestrebt. Hat sich einfach so ergeben. Ein Zusammenspiel aus allgemeiner Weltoffenheit und Zufall im beruflichen als auch privaten Umfeld.

Bevor ich in Deutschland als frischgebackener Jungingenieur in einer Niederlassung einer Belgischen Firma arbeitete (die ihrerseits von zu einer deutschen multinationalen Firmengruppe gehörte), wusste ich über Belgien nicht sehr viel. Dies hatte wohl mehrere Gründe. Zum einen lehrt man wohl in deutschen Schulen nicht über Belgien (so wie man wahrscheinlich im Allgemeinen in deutschen Schulen nicht viel über die meisten der über 200 anderen Länder der Erde lehrt). Zum anderen gibt es insgesamt über 200 Länder auf der Welt, also warum versuchen sein Gehirn so sehr anzustrengen, dass man gerade über Belgien mehr wissen sollte als über all die vielen anderen Länder (wobei viele andere Länder (viel) grösser und dem Deutschen viel bekannter sind als Belgien und regelmäßig viel mehr Platz in den deutschen und internationalen Medien annehmen. Auch wenn Belgien direkt an Deutschland angrenzt und somit ein unmittelbares Nachbarland ist, so ist dies für einige Länder der Fall (acht oder mehr?). Und außer, dass Belgien eher ein (sehr) kleines Land ist, ist es auch noch so kompliziert aufgebaut, dass man kaum jemanden in Deutschland fand (und auch heute immer noch sehr selten findet), der Belgien 'versteht', weiß wie es aufgebaut ist und wie es funktioniert und der es erklären kann. Die besten deutschen Lehrer einbegriffen.

Alles recht gute Ausreden, oder?

Heute bin Ich offiziell Belgier und lebe hier seit 1996 und bin nur noch sehr selten in Deutschland, - ca. einmal pro Jahr. Ich lebe im Süden Belgiens und lebe seit meinem Umzug nach Belgien eine einen gewissen permanenten 'Kulturschock'. Im Allgemeinen weiß man in (Nord- und Sud-)Belgien eher weniger - bis gar nichts - über Deutschland. Ausnahme sind hier vielleicht die ca. 70,000 deutschsprachigen Ostbelgier, die in der Deutschen Gemeinschaft Belgiens an der Grenze zu Deutschland wohnen (das Gebiet gehörte früher einmal zu Deutschland '- rechtens' oder nicht ist eine andere Frage). Und vor allem im französischsprachigen Süden Belgiens weiß man noch viel weniger über Deutschland und die deutsche 'Kultur'. Der Belgier - inklusive Südbelgier - hat im Allgemeinen eine eher hohe Meinung von Deutschland, und sieht Deutschland eher als ein Land an, in dem vieles sehr gut organisiert ist und wo im Allgemeinen Effizienz und Ordnung herrschen. Das glaubt der Belgier aus den belgischen Medien zu wissen. Ohne letztere kritisieren zu wollen, wenn man weiß, dass die Südbelgischen Medien kaum etwas über Nordbelgien berichten, - wahrscheinlich genauso wie die Nordbelgischen Medien kaum etwas über Südbelgien berichten, dann erkennt man, dass sich viele aus dem nicht-belgischen Ausland Zugezogenen regelmäßig Fragen stellen über die 'Qualität' bzw. Mission der (Nord- und Süd-) belgischen Medien.

Nordbelgien heißt offiziell 'Flandern'. Dort spricht (und denkt und lebt) man flämisch (eine Art holländisch). Südbelgien heißt offiziell 'Wallonien'. Dort spricht man Französisch. Flandern gehörte früher einmal zu Holland. Wallonien gehört zu Frankreich (- rechtens' oder nicht ist eine andere Frage). In der Mitte Belgiens (offiziell in Flandern), mehr oder weniger zentral zwischen Flandern und Wallonien, liegt die Stadt Brüssel, die auch gleichzeitig - so wie Flandern und Wallonien - eine eigene Region ist. Könnte man mit einer Art 'Bundesland' im Sinne von 'freier Hansestadt' in Deutschland vergleichen.

    Belgien ist nicht das einzige Land auf der Welt, dass aus kulturell sehr verschiedenen 'Ländern' bzw. Regionen versteht. Es ist aber eines der wenigen multikulti Länder, dass nach so vielen Jahren (Belgien gibt es offiziell als Land / Nation / Föderalstaat seit 1830) immer noch besteht. Und wie die anderen vergleichbaren Länder (Schweiz, Canada, usw.) hat es Belgien nicht leicht mit seinem multikulti Erbe. Um sich die entsprechenden Schwierigkeiten vor Augen zu führen genügt es sich ein Deutschland aus drei Bundesländern bestehend vorzustellen: Wobei man in einem Bundesland deutsch und im zweiten türkisch spricht (und denkt!). Das dritte Bundesland stelle man sich als 'freie Hansestadt' zwischen bzw. umgeben von den beiden anderen Bundesländern vor. Hier ist alles zweisprachig deutsch - türkisch. Das ist fun! ;o)

     Belgien ist cool. Es ist klein. Es ist recht chaotisch. Es ist recht chaotisch, künstlich aufgebaut, interessant, recht reich - im Allgemeinen, eher unbekannt bzw. missverstanden, im Sinne von nicht gut verstanden. Weil eher kompliziert aufgebaut.

 

Die meisten Belgier denken, dass Belgien unumstritten international berühmt ist für Pommes Frites (die im Englischen 'French Fries' heißen und zum ersten Mal geschichtlich erwähnt wurden in einer Stadt, die damals - vor 1830 - in Frankreich lag), Pralinen (so viele Österreicher das von Österreich und viele Schweizer das von der Schweiz glauben), und für Bier (allein in Bayern allein scheint es mehr Biersorten - nach strengem deutschen Reinheitsgebot gebraut - zu geben). Das ist interessant, und zeugt von einem gewissen Phänomen, das man in Französischen beschreibt mit 'être trop occuper à regarder son nombrille'.

 

Belgien ist witzig. Es ist chaotisch, kompliziert, modern und klassisch, künstlich, herzlich, amateurhaft, reich und arm, süß, melancholisch, schräg, klasse, unkonventionell, anders, anarchistisch, besonders, echt, unbekannt, genießerisch, cool, unbeschreiblich, unscheinbar, nicht sehr groß, stümperhaft, altmodisch, opportunistisch, künstlich, - und noch vieles mehr! Auf jeden Fall eine Reise wert.

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