Der Südbelgier

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... auch Wallone genannt, weiß eher (sehr) wenig über den Nordbelgier (oder über den Ostbelgier).  Es ist schon beeindruckend wie Belgien sich als Land mit so vielen verschieden Kulturen, Sprachen und Ansichten über so viele Jahre als 'Nation' halten kann.    

     Der Südbelgier versteht es zu leben. Er weiß auch zu überleben, über die Runden zu kommen, für sich zu Sorgen. Er ist clever. Arbeiten kann man beispielsweise im 'zentralen Norden' Südbelgiens bei internationalen Arbeitsstellen in Brüssel oder im Süden in Luxemburg. Viele arbeiten auch im öffentlichen Dienst beim Federalstaat , der Wallonischen Region oder in ihrer Gemeinde - bei der Gemeindeverwaltung. Manche Südbelgier sind auch 'normale' Arbeitnehmer. Typische Sektoren sind Industrie, Dienstleistungen bei nicht-belgischen Multinational-Firmen, Metallbau, und - vor allem - Landwirtschaft. Manche sind auch selbstständig. Es gibt auch Unternehmer, öffentlichen Statistiken zu folge jedoch nicht genug. Es sei denn, Landwirte. Von letzteren gibt es aber auch immer weniger. Es gibt prozentual gesehen recht viele Arbeitslose, - prozentual gesehen viel (vile) mehr als im Norden des Landes. Prozentual ungefähr doppelt so viele. Viele Arbeitslose sind schon sehr lange ohne Anstellung. Die (sehr) hohe Arbeitslosenquoate in Südbelgien gibt es schon sehr lange, d.h. seit mindestens Ende des 20. Jahrhunderts.

     Auf jeden Fall hat der Südbelgier Beziehungen in der ein oder anderen Form, die ihm das Leben leichter machen. Denn der Südbelgier hat seine kulturellen Wurzeln in Frankreich (die Wallonie lag früher in und gehörte früher zu Frankreich). Daher die entsprechende 'Laissez-Faire'-Mentalität.

      Der Südbelgier ist primär eher nicht auf Arbeiten konzentriert, sondern sieht Arbeiten vielmehr als 'Mittel zum Zweck' an. Und der Zweck ist 'Leben' und Genießen. Aber: Der Südbelgier kann Arbeiten, - sehr viel und hart sogar - wenn es für seinen eigenen Wohlstand ist, für seine Familie, für die Kinder. Zum Beispiel Häuser renovieren.

      Der Südbelgier lebt regelmäßig an der Grenze des Legalen. Er trägt schon einmal einen Steuerfreibetrag zu viel bei der Steuerklärung ein und braucht regelmäßig keine Quittung oder Rechnung wenn es darum geht, Güter oder Dienstleistungen zu erwerben. Dies kann man manchmal nicht richtig übel nehmen, da viele bekannte Süd- (abr auch Nord-)Belgier das auch manchmal machen (und manche lassen sich dabei erwischen!) und weil viele Gesetze einfach nicht klar definiert oder klar verstanden werden. Da kommt eins zum anderen...
 

     Der Südbelgier mag die Flämische Sprache eher weniger (bis gar nicht). Er findet nicht nur, dass man mit flämisch international nicht sehr weit kommt (im Vergleich zu Englisch) sondern auch, dass die Sprache nicht gut klingt (um es höflich auszudrücken). Der Südbelgier versucht deswegen, Flämisch lernen zu vermeiden. Und wenn unumgänglich, dann nur wenn für seinen Wohlstand (und dafür nötiges Geld verdienen) nötig und nützlich.

      Im Süden Belgiens wählt man im allgemeinen für die sozialistische Partei (Partie Socialiste - PS) wenn man zum unteren Mittelstand oder zur ärmeren Bevölkerungsschicht gehört (und das ist die Mehrheit).  Oder für die Liberalen (Mouvement Réformateur - MR) wenn man zum mittleren bis gehobenen Mittelstand zählt, in einer leitenden Position oder selbstständig ist.  Ansonsten die Christliche Partei CDH oder die Grünen. In letzter Zeit werden auch die Kommunisten der PTB Partei immer salonfähiger und zahlreicher was Walhstimmen angeht.

      Die Straßen im Süden Belgiens sind eher schmutzig und schlecht unterhalten. Es gibt zwar regelmäßig Baustellen auf Straßen zu sehen, aber selten sieht man jemanden Arbeiten. Umleitungen sind in der Regel sehr schlecht beschildert, und (sehr) regelmäßig sind entsprechend angebrachte Verkehrsschilder obsolet oder schlichtweg falsch. Typisch sind 'vergessene' Tempo-30-Schilder, die Baustellen ankündigen.  Leitblanken auf Südbelgischen Autobahnen sind in der Regel so verrostet und braun, dass man nur vom Hinsehen schon Wundstarrkrampf bekommt. 

   Sich in Südbelgien als Nicht-Belgier auf der Straße einem Umleitungsschild zu nähern heißt in der Tat Ärger. Denn Umleitungsbeschilderung ist hier eher für Einheimische gedacht. Als Nicht-Einheimischer findet man sich regelmäßig nach dem dritten Umleitungsschild irgendwo verloren.


     Der Südbelgier trinkt gerne Alkohol.  Vor allem Wein mag er sehr gern, besonders Rotwein. Wein und Bier sind für den Südbelgier kein Alkohol.  Letzterer besteht für den Südbelgier eher aus Whisky, Schnaps, Cognac und anderen 'hochgradigen' Spirituosen. In Südbelgien wird Alkohol als der 'Brennstoff des Lebens' bezeichnet. Der Südbelgier glaubt, dass Belgien die meisten Biersorten der Welt hat. Dies darf man nicht bestreiten wenn man keinen Ärger haben möchte. Die Tatsache, dass es allein in Bayern mehr Biersorten gibt als in Belgien, ist hier unbekannt - und wird weiterhing unbekannt gehalten. Interessiert in Südbelgien keinen.

      Der Südbelgier glaubt die Pommes Frites erfunden zu haben. In der Tat befand sich wohl der Händler, über den das erste Mal vor 1840 schriftlich festgehalten ist, dass er auf dem Markt in Öl gebadete Kartoffeln verkaufte, auf einem Markt in einer Stadt, die heute in Belgien liegt. Damals gehörte die Stadt jedoch zu Frankreich (deswegen auch der Name 'French Fries'). Aber auch dies ist besser nicht einem Südbelgier gegenüber erwähnen. In Südbelgien - wie im Rest des Landes gibt es viele Imbissbuden. Dort isst man in der Regel sehr schlecht, da sehr minderwertige Fleischrestware angeboten wird. In der Regel ist das Essen dort sehr (sehr) fettig.
 

      Der Südbelgier lebt eher der Vergangenheit zugewendet, mit regelmäßigen Blicken zurück in Archive, mit Radiosendern wie 'Nostalgie' und Ausstellungen über die letzten beiden Weltkriege. Als Erklärung wird oft angegeben, dass man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen möchte und nicht vergessen möchte. Nur das Anwenden des Gelernten für die Zukunft bemerkt man eher weniger. Der Südbelgier mag Traditionen. Weniger mag er Veränderungen. und wenn Veränderungen, dann erst einmal kritisch beäugend. 
 

     Der Süden Belgiens ist eher weniger bekannt für Innovationen, Modernes oder Zukunftsweisendes. Stattdessen eher für Industrien wie Kohleabbau, Stahlverarbeitung, Holz- und Landanbau. 

     Der im Süden aufgewachsene Belgier versteht nicht so recht warum immer mehr Nordbelgier laut und aktiv darüber nachdenken, das Land aufzulösen, um alleine weiter zu leben, - ohne den faulen, profitierenden Südbelgier, der statistisch eher sehr gewerkschaftlich engagiert ist. Flandern überweis 2012 wohl ungefähr 12 Milliarden Euro als Finanzausgleich an Südbelgien.

    Im Süden (wie im Norden und Osten) Belgiens gibt es mehr Polizisten pro Einwohner als in Deutschland.  Man sieht Polizisten jedoch nur sehr selten auf der Strasse. Es sei denn, sie stehen zusammen in Gruppen und ratschen, oder beschweren sich über ihre Arbeitsbedingungen. oder sie streiken.

    Der Südbelgier ist kein Organisationsfetischist, und versteht nicht so recht, wie man denn darauf aus sein kann, alles optimieren zu wollen. Er ist eher 'Amateur' für Alles, im Sinne von 'Hobbyamateur'. Zium Beispiel wenn es darum geht, Veranstaltungen zu organisieren. An einem Schulfest teilzunehmen heißt fast immer lange warten, anzustehen, sein tanzendes Kind auf der Bühne nicht sehen zu können (da entweder der Saal viel zu klein ist, oder alle zu spät kommenden sich vordrängeln und vor einem stehen) und kalt (und schlecht) zu essen.

 Viele Südbelgier sind sehr nett. Auch oft naiv und eher freundlich.

   Was mich veranlasst über den Südbelgier zu schreiben? Ich bin ein in Deutschland geborener Wahlbelgier und lebe seit Mitte der Neunziger Jahre in Süd- und 'Mittel'-Belgien (= Brüssel). Die deutsche und wallonische Kultur sind sehr verschieden. Als Deutscher in Südbelgien zu leben kostet sehr viel Anpassungskraft, Energie, Geduld, Übersetzungsfähigkeit und Ausdauerkraft. Jeden Tag. Südbelgien ist schön, lässig, cool, amateurhaft aber herzlich. Man hat recht viele Freiheiten und wird in der Regel in Ruhe gelassen.

20181219

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